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Diese Seite wurde am 08.02.2008 geändert.
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Tomsk – immer eine Ladareise wert

aufgeschrieben von Christian Böttger > Link zur Bildergalerie
Seit Martin sein Diplom erworben hat und in den erwerbstätigen Stand gewechselt ist, gibt es ein Problem für ihn. Neben dem guten alten Shiguli (Lada 2107) aus den Studiumszeiten, hat er noch einen Dienstwagen mit Privatnutzung bekommen. Dafür lässt die Nachhaltigkeit eigentlich zu wünschen übrig. Doch was macht man mit einem Lada, den man doch ganz gern mag, welcher hier in Deutschland aber nur noch in die Schrottpresse wandern würde?

So setzt sich der Gedanke, den Lada nach Russland abzusetzen in den gang. Erfreulicherweise meinte Martins Kommilitone, Alexej aus Tomsk wir sollten ihn besuchen kommen. Nach einem ausgiebigen Blick auf die Karte der großen Sowjetunion meinen wir, dass wir es locker in den 4 Urlaubswochen von Martin mit dem Lada bis nach Tomsk und Umwegen in verschiedenste sehenswerte Gebiete schaffen könnten.

Am 12. August ist es endlich soweit. In Dresden fängt es gerade so richtig an zu regnen, ein guter Grund sich in Richtung Osten zu trollen. Unsere Priorität liegt auf das Gebiet hinter Moskau. Folglich rauschen wir im Eiltempo durch Polen, Litauen und Lettland. An der lettisch-russischen Grenze wird diese Eile durch die ausführlichen Grenzformalitäten arg ausgebremst. Gegen Abend erreichen wir diese Grenze, mit der Aussicht auf zirka 100 Pkws vor uns. Diese eigentlich geringe Zahl wird nach Nachfragen sofort relativiert, durch geschätzte 12 Stunden Wartezeit. Es gilt die Faustregel über die Bearbeitungsgeschwindigkeit der russischen Behörden von etwa 8 Fahrzeuge pro Stunde. Uff!! Daraufhin machen wir uns es erst einmal so richtig gemütlich. Langsam geht die Sonne im Rückspiegel unter und die Nacht bricht herein. Nun beginnt die Stunde der Nepper. Mit abgedunkelten Fahrzeugen stehen sie am Fahrbahnrand und warten auf das Einschlafen eines Fahrers. Die sich dann beim Weiterrücken auftuende Lücke, wird sofort aufgefühlt um sie dann zum gegebenen Zeitpunkt gegen etwa 50 $ wieder zu verkaufen. Eisern warten wir bis wir 3 Uhr die Schranke erreicht haben. Der lettische Zoll interessiert sich kaum für uns, aber bei dem Russen geht es so richtig los. Alles, so mühsam eingestapeltes muss aus dem Kofferraum entfernt werden. Es lässt sich nicht vermeiden, dass der Zoll dann den Karton mit dem OP-Scheren aus Deutschland für ein Krankenhaus in Tomsk entdeckt. Völlig unmöglich damit die Grenze zu passieren, suggeriert man uns augenblicklich. Genosse nach Genosse schaut in die Kiste, doch wir bleiben hart und erläutern unentwegt den karitativen Nutzen der Materialen. Nach einer ganzen Weile will keiner mehr was von uns wissen und sie lassen uns passieren. Endlich sind wir in Russland.

Nach 2 Tagen erreichen wir die Hauptstadt Moskau. Die Strassen werden immer breiter und der Verkehr immer unkontrollierter. Auf 16-spurigen Magistralen rollen wir im vorher ausgesuchten Hotel „Kiev“ ein. Es ist ein billiges, aber zentrales Hotel. Wegen guter Ausbuchung müssen wir die teuersten Zimmer nehmen, ganze 35€. Entsprechend ist dann wiederum der Standard. Zwei Zimmer und fließend warmes Wasser. Am Abend schauen wir uns am Roten Platz, GUM und Arbat um. Im gleißenden Abendlicht geht die Sonne in dieser schönen russischen Stadt unter. Den nächsten Morgen fahren wir mit der U-Bahn zum Kreml und besuchen jenen. Nach dieser eindrucksvollen Stadtvisite geht es weiter gen Osten.

Unser nächstes Ziel Vladimir ist nicht weit. Am Abend habe wir uns noch die wenigen erhaltenen alten Anlagen angeschaut und zelten schon etwas abseits. Den nächsten Morgen wollen wir möglichst noch vor dem Touristenansturm den kleinen Ort Suzdal erreichen. Hier lassen sich auf kleinstem Raum etliche Kirchen bewundern, sowie eine alte Klosteranlage. Dieses, eigentlich Dorf, gehört mit zu dem relativ berühmten „Goldenen Ring“ um Moskau. Hübsche, teilweise wieder restaurierte orthodoxe Anlagen lassen sich dort bestaunen. Nach diesem entzückenden Vormittag fahren wir weiter. Irgendwann kommen wir in Niznij Novgorod an. Hier bewundern wir das erste Mal den größten Fluss Europas, die Wolga.

Am 20. August erreichen wir die Schmieden der Ladaproduktion in Toljatti. Toljatti ist in den 60ziger Jahren an der Wolga entstanden um eine Produktionsstätte für VAZ Fahrzeuge zu schaffen. Konstruiert worden ist eine Schachbrettstadt mit riesigen breiten Chausseen durch die Neubaublöcke mit einer völligen Dezentralisierung. Nach hartnäckigen Verhandlungen auf Russisch, Englisch und Deutsch doch die Fertigungsstrasse von Lada besuchen zu können, werden wir abgewimmelt mit dem Hinweis, dass man wohl auch bei VW nicht einfach so vor die Werkstore treten dürfte und dann Einlass bekäme. Enttäuscht ziehen wir wieder ab, aber das ist halt typisch Russland.

Weiter geht es Richtung Südspitze des Urals bei Orenburg. Hier wird viel Erdöl und Erdgas abgebaut. Die Gegend ist mit riesigen Grasflächen sehr steppenähnlich. An der Provinzgrenze gibt es die Strasse mal wieder nur auf der Karte, finden aber aufgrund der endlosen übersichtlichen Weiten doch irgendwie einen Weg auf 20 Kilometer Agrarpfaden zur nächsten Strasse.

Nördlich von Orenburg beginnt der Ural. Der südliche Teil des Urals hat uns stark an den Böhmerwald mit seinen Tälern und kleinen Felsformationen erinnert. Allerdings gibt es hier nicht so viele ausgebaute Wege wie im Bömerwald, so dass wir nach einem halben Tag Fahrt im blockigen Gelände einen starken Fluss ohne Autobrücke aber mit Furt erreichen. Nachdem der erste LKW die Furt passiert ist uns klar, dass der Lada dies nicht alleine schaffen wird. Die Furt ist etwa 40 Zentimeter tief und 150 Meter lang. Ein Lada-Niva-Fahrer spricht uns an und bietet sich an, uns rüber zu ziehen, natürlich gegen Münze. Da wir keine andere Möglichkeit sehen und es zumindest als ziemlich spaßige Einlage klassifizieren gehen wir auf sein Angebot ein. Ich beobachte die ganze Sache mit dem Fotoapparat von der Fußgängerbrücke aus. Langsam kämpft sich der Niva durch das verblockte Flussbett. Auf der anderen Seite angekommen, testen wir sogleich die Funktion der Maschine. Mit stottern und husten springt der Lada wieder an. Der Auspuff wirft er noch etwas unwillig Wasserbatzen durch die Luft, aber er läuft wieder. Die Katastrophe ist wo anders. Durch die Türen ist Wasser direkt in den Fußraum mitsamt den Schaummatten gelaufen. Mühevoll saugen wir mit einem Schwamm das Wasser aus den 4 Bodenwannen. Im Kofferraum ist zum Glück fast kein Wasser eingebrochen. Dieser Feuchtigkeitseinbruch wird uns nun eine ganze Weile verfolgen. Die Fußmatten müssen immer zum trocknen hochgesteckt werden. Ebenso versagt die Lichtmaschine eine ganze Weile, da sie etwas feucht geworden ist.

Am Rand des Urals liegt die Millionenstadt Tscheljabinsk. Hier kommen wir endlich mal in den Genuss der modernen Wegelagerei. An einer der vielen Polizeiposten am Straßenrand werden wir mal wieder angehalten. Martin steigt wie immer aus, doch diesmal sind sie nicht nur an den Papieren interessiert, sondern wollen ein Ökotalon, den wir natürlich nicht haben sehen. 20$ Strafe soll uns das kosten, den Talon nachkaufen geht natürlich nicht. Martin bringt den Straßenpolizisten mit einem guten Mischmasch aus „nicht verstehen“ und nur Kreditkarte als Zahlungsmittel dabei bei, dass sie von uns kein Geld bekommen werden. Irgendwann einigen sie sich auf einen kleinen Geschenkbeutel, zusammengestellt von uns aus alten Kassetten, Kulis, Werbetaschenrechner und ähnlichen. Glimpflich kommen wir noch einmal an dieser Abzocke vorbei. Es soll auch das einzigste Mal bleiben, dass die Polizei uns ausnehmen wollte.

Nun geht es steil nach Norden. Wir passieren die über 400 Jahre alten sibirischen Städte Tjumen und Tobolsk um an den Ob bei Surgut zu gelangen. Mit Staunen überqueren wir den Ob, der an dieser schmalen Stelle stolze 1,8 Kilometer breit ist.

Von Surgut fahren wir mit dem Zug noch 700 Kilometer in den Norden bis kurz vor den Polarkreis bei Novij Urengoij. Per Anhalter lassen wir uns 40 Kilometer aus dem Ort fahren und steigen mitten in der Tundra aus. Da wir beide noch nie in richtiger Tundra mit Dauerfrostboden waren, wollen wir den Tag nutzen und uns in jener etwas umzuschauen. Bis an den Horizont ist es flach (Westsibirische Tiefebene) und ausgefüllt mit Wasser und Moor. Das wandern gestaltet sich aufgrund des vielen Wassers als sehr schwierig. Durchschnitten wird hier die Tundra von riesigen Gaspipelines. Dort ringsherum ist die Umweltzerstörung durch einfaches Befahren mit Raupen einfach verheerend. In den Ortschaften finden wir immer wieder total verseuchtet Gelände, wo wohl mal eine Leitung für eine Weile geleckt hat. Über die Nacht reisen wir mit dem Zug wieder zurück nach Surgut.

Von Tobolsk aus wollen wir entlang des Irtysch nach Omsk gelangen. Schon auf der Karte zeichnet sich die Strasse als nicht ganz optimal ausgebaut ab. Doch wir wollen auch einmal so richtig ins Gelände und abgelegene Ortschaften erleben. Bis zu der uralten Stadt Tara haben wir etliche Male die Klappspaten herausholen müssen um die Spur auf der Strasse für den Lada zu definieren. Belohnt werden wir durch idyllische Ortschaften und abgelegene Wege. Langsam aber zufrieden kommen wir in Tara an. Hier überqueren wir mit dem örtlichen Schubboot den Irtysch und versuchen zurück auf die Hauptstrasse zwischen Moskau und Novosibirsk zu gelangen. Etlicher Zickzack ist vorprogrammiert. Zurück auf der Magistrale geht es mit grossen Schritten durch die endlos platten und versumpften Gebiete der westsibirischen Tiefebene nach Novosibirsk. In Novosibirsk bricht ein Vorderraddämpfer aus dem Blech, so dass wir die restlichen 300 Kilometer bis nach Tomsk mit einem ausgebrochenem Dämpfer fahren. Spät nachts rollen wir auf den Hof von Alexej vor.

Herzlichst werden wir willkommen geheißen. Den nächsten Morgen hat Alexej Jenja, eine Deutschstudentin aus der örtlichen katholischen Gemeinde und ihre Freundin Tanja, ebenfalls Deutschstudentin ranorganisiert. Sie wollen uns auf deutsch die Stadt Tomsk mit immerhin etwa 500 000 Einwohner zeigen. Das war natürlich eine tolle Sache, denn plötzlich konnten wir alles mögliche über Land und Leute erfahren ohne uns mühevoll in Russisch auszudrücken. Auf der Strasse begegnen wir der Deutschlehrerin, die uns sofort auffordert heute nachmittag eine Deutschstunde zu halten. Natürlich sagen wir zu. So erzählen wir erst etwas über unsere Reise mit dem Lada nach Tomsk, die ganzen interessanten Orte in Russland und dann etwas über das studentische Leben in Deutschland.

Ganze 4 Tage verbringen wir geführt und betreut in Tomsk. Am 7. September lassen wir den Lada auf dem Hof stehen und verabschieden uns. Mit einem Nachtbus fahren wir nach Novosibirsk, um dann am nächsten Morgen den direkten Flieger nach Hannover zu nehmen. Leider haben wir auf dem ganzen Flug kein bisschen Sicht wegen Wolken, sondern nur exquisit laute Plätze neben den Turbinen der TU-154.

Mit dem Flug haben wir ganz plötzlich unsere Reise über 8600 km, fast eine viertel Erdumdrehung rückgängig gemacht und stehen nun wieder auf (über-)geregeltem deutschen Boden.


Vmax auf lettischen Wellblechpisten um Rütteln zu vermeiden

unsere groben Zielpunkte

nach 13 Stunden Wartezeit endlich die russische Grenze passiert

auf dem 12spurigen inneren Ring von Moskau

Roter Platz

GUM

nicht nur wir reisen, auch Ukrainer sind auf Fernreise

ein ZIL kommt vom Feld

Klosterort Suzdal am Goldenen Ring

ein Vetrann unter den LKW ist natürlich in Russland immernoch ein treuer Arbeitsgefährte

die Ladazentrale in Toliatti

ein einsamer Traktor in der weiten russischen Steppe

jetzt ist es nicht mehr weit bis in die Steppen Kasachstans

im Ural gibt es nur Schotterpisten

praktisch, diese hohen Bordsteinkanten

der kürzester Weg zwischen zwei Punkten ist die Gerade

auch wir müssen durchs Wasser

wir habe Asien erreicht

in Tscheljabinsk sollen wir Strafe wegen eines nicht vorhandenen Talons zahlen

praktische Strassenstände mit immer frischen Produkten

der Ob - hier ist er nur 1,8 km breit

damit geht es nocheinmal 700 km nördlicher bis an den Polarkreis

Tramper immer herzlich willkommen

Tourist Christian hat die Tundra gesehen

Nun - welcher ist unser?

kleine Strassen bedeutet immer viele Erlebnisse

jetzt wirds enge

Tara - eine sehr alte Stadt am Irtusch mit typischen sibirischen Holzhäusern

übersetzen einmal stündlich mit dem Schubboot möglich

eines der ungezählten Ortschaften im Abendlicht

die Pferdekutsche ist noch allgegenwärtig

Broilerbar am Novosibirsker Bahnhofsvorplatz

noch schnell einen Tasche gefällig

Gegenleistung - eine Deutschstunde von uns gehalten

Tanja und Jenja - die beiden Deutschstudentinnen, die uns Tomsk zeigten

der Lada muss nun in Tomsk bleiben

unsere TU 154 auf dem Novosibirsker Flughafen