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Diese Seite wurde am 08.02.2008 geändert.
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Mit dem Rad entlang der Kontinentalgrenze im Ural

aufgeschrieben von Christian Böttger > Link zur Bildergalerie
Am Montag, dem 5. August, war es endlich soweit – der Urlaub stand vor der Tür. Vor uns, Michael Wagner und mir lagen wieder mal weite Pläne. Da wir beide die Berge und Russland lieben, kam, wenn man systematisch vorgeht, nach Karelien, eigentlich nur der Ural in Frage. Genau diesen wollen wir beginnend im äußersten Süden gen Norden erkunden. Schon auf den groben Karten, die wir hier in Deutschland von dieser Gegend zur Verfügung hatten, war zu erkennen, dass man mit dem Fahrrad, nur bis etwa in die Mitte des gesamten Gebirgszuges gelangen kann. Denn immerhin ist der gesamte Ural etwa 2.500 Kilometer lang. Das Zeitfenster ist mit 45 Tagen zwar nicht sehr üppig, sollte aber reichen, die angestrebte Strecke zu überwinden.

So setzen wir uns am besagten Montag in Dresden in den Zug, der uns sukzessive Richtung Osten transportiert. Unsere Gepäckstücke haben wir alle in unsere großen Wanderrucksäcke komprimiert, um die 5-tägige Reise mit dem Riesengepäck und dem Rad etwas zu vereinfachen. Umsteigen in Warschau, Vilnius und Riga ist angesagt, ehe wir mit dem Nachtzug 3 Tage später St. Petersburg erreichen. Endlich in Russland. Sofort steuern wir die Verkäufer von frischen Piroschkies an, eine Art Teigtaschen mit unterschiedlichen, zumeist herzhaften Einschlüssen. Diese Angelegenheiten sind eine unserer Hauptnahrungsmittel während der langen Zugreise in Russland. Gleich mit dem nächsten Schnellzug, wohl mit nahezu 120 km/h, rasen wir nach Moskau um dort kurz vor Mitternacht den letzten Zug vor Start unserer Radreise zu entern. Nach etlichen Fragen, Verhandlungen und sowie ein bisschen Sturheit sitzen wir in unserem Abteil Richtung Orenburg. Dieser Zug fährt allerdings noch weiter in die Hauptstadt von Usbekistan, Taschkent. Entsprechend wird der Zug zum Umziehen oder um billige und rare Ware aus Moskau nach Taschkent zu transportieren genutzt. Ständig sehen wir bei längeren Stopps an den Bahnhöfen größerer Städte Fernseher, Radios, Dreiräder, Keramik, Fahrräder oder Autoreifen die Besitzer wechseln, ein faszinierendes Schauspiel.

Nach 5 Tagen und 3600 Kilometer steigen wir in Orenburg aus dem Zug. Endlich kann das Radfahren beginnen, der eigentliche Grund unserer Reise. Am ersten Tag auf dem Rad werden wir auch gleich hart geprüft. Bei 37°C gilt es sich durch die endlos langen Asphaltbänder in der Kasachischen Grassteppe zu kämpfen. Zu aller Freude geschieht das auch noch bei stetigem heißem Gegenwind. Entschädigt werden wir einzig und alleine durch das Monument am Fluss Ural, dass die Stelle der Grenze zwischen Asien und Europa kennzeichnet. Nie zuvor waren wir so schnell so weit gereist. Die erste Nacht verbringen wir an einer herrlichen Aue am Fluss Ural, belohnt mit einem Bad direkt auf der Kontinentalgrenze.

Am Tag 2 unserer Radreise drehen wir endgültig unsere Reiserichtung mit dem Wind in Richtung Norden. Ganz sachte steigen die ersten Ausläufer des Urals aus der endlosen Grasslandschaft der Kasachischen Steppe. Der Ural sieht hier eher aus wie ein stark erodiertes Gelände, wo vor vielen tausend Jahren mal ein Gletscher gewaltig drüber geschliffen haben muss. Bis hoch auf die Bergkuppen wird noch Landwirtschaft betrieben, wohl aus dem Grund, dass fast keine Steine übrig geblieben sind. Unsere Strasse, besser gesagt unserer Weg, windet sich immer wieder auf kleine Pässe hinauf um dann auf der anderen Seite wieder in die nächste Siedlung hinab zu fallen. Wir haben nun den südlichsten Zipfel der Republik Baschkortostan (manchmal auch Baschkirien genannt) erreicht. Die Bevölkerung hat bereits einen starken asiatischen Einschlag und folgt dem Islam. Durch die eher landwirtschaftlich geprägten Landschaften ist der Lebensstandard niedriger als in Russland selbst, allerdings erscheinen uns die Menschen deutlich zufriedener und ordentlicher, sind stolz auf ihr Land Baschkortostan.

Im Süden sind die Ortschaften sehr dürftig an das restliche Land angeschlossen. Nach ein paar kleineren Ortschaften verdeutlicht uns die Karte, dass die Wege in Richtung Silair eher undeutlicher werden. Doch immer wieder wird uns versichert, dass es möglich ist hier entlang nach Silair zu fahren. Frohgemutes radeln wir auf kleinsten Wegen über die weitläufigen Bergwiesen. Zur Orientierung bleibt uns neben der groben Karte (1:1,5 Mio) nur der grandiose Blick über die sacht ansteigenden Hügelketten in Richtung Norden. Knapp 80 Kilometer fahren wir durch blühende Wiesen, treffen bis auf ein völlig verstecktes Dorf auf keinerlei Menschen.

In Silair hat die baumlose Gegend, wohl unter dem Einfluss der Kasachischen Steppe ein Ende. Stattlicher Baumbestand, wie es der ein oder andere wohl aus dem Böhmerwald kennt. Damit werden auch langsam die Temperaturen mit weniger als 30°C erträglicher auf dem Rad. Um Silair kommen wir kurzzeitig in den Genuss von Asphalt, etwas was wir auf dieser Reise wirklicher sehr wenig genießen konnten, vielleicht auch wollten. Über die Hälfte unserer Tour verlief diesmal förmlich im Dreck. Doch es ist unsere Leidenschaft den einfacheren Strassen zu folgen, da diese zumeist in die ursprünglicheren Dörfer führen.

Wieder sind wir auf schmaleren Wegen unterwegs und suchen am Abend in einem klitzekleinen Dorf nach dem lokalen Brunnen. Von Jugendlichen werden wir beim Fragen sofort in ein Gespräch verwickelt, doch welches dann typischerweise bei einer alkoholisierten Verbrüderung endet. Micha, nun mittlerweile gut gewandt in der russischen Sprache, erklärt seine Abneigung zum Alkohol und kommt Drumherum. Ich dagegen bin natürlich erst einmal nicht abgeneigt und lasse mir Einschenken. Doch dabei bemerke ich, dass nicht wie üblicherweise Wodka getrunken wird, sondern Spirit, ein 95% Zeug. Widerwillig trinke ich den kleinen Schluck und bereue es die folgenden 2 Tage. Dieses „giftige“ Zeug kratzte besonders gut und wirkte quasi sofort. So füllen wir unsere Wassersäcke und ziehen von dannen. Die nächste Zeltwiese war dann Alkoholspiegel bedingt unsere Wiese.

Langsam steigen die Berge immer steiler an, teilweise schauen die ersten Klippen aus den Tälern. Wir betreten den Nationalpark Baschkortostans als wir an dem Fluss Bjelaja ankommen. Hier an dieser Stelle in Kutanovo war ich schon 2002 gewesen. Gemeinsam mit Martin hatte ich damals die Bjelaja im Lada 2107 (Schiguli) durch eine sehr tiefe Furt gequert. Für die Fahrradfahrer gibt es allerdings die Alternative einer Hängebrücke.

Die nun folgende Strecke, besser gesagt das nun folgende Schotterband wurde zum Gräuel für unsere Handgelenke. Oftmals müssen wir bergauf schieben, da der lose Schotter einfach nicht griffig ist. Auf ebener Strecke oder abwärts fahren wir eher auf dem Bankett als auf der Strasse, um die bis zu Faustgrossen „Schottersteinchen“ zu umgehen. Doch die nächste Sehenswürdigkeit an dieser Strasse hebt unsere Motivation. Wir wollen die Höhle Kapowa besuchen, welche im Tal der Bjelaja liegt. Begrüßt werden wir durch die Nationalparkwacht, die uns ein fettes Ausländerticket zum fünffachen russischen Tarif verkauft um die Höhle besuchen zu dürfen. Nun, das ist eben Russland. Allerdings bekommen wir eine Führung durch die doch recht sehenswerte Karsthöhle. Über 3 Kilometer sind erforscht und der Höhepunkt sind Felsenmalereien von vor über 14.000 Jahren. Doch leider sind die Räume mit den originalen Zeichnungen nicht zugänglich, nur ein paar Kopien sind in einem großen Raum davor angefertigt wurden. Trotzdem war es recht eindrucksvoll.

Am Abend wartet das nächste Abenteuer auf uns. Wir zelten nicht weit von der Höhle auf einer kleinen Wiese, wo uns schon von einem Russen vorher gesagt wurde, dass am Abend noch eine kleine Gruppe einer organisierten Kanutour hier eintreffen wird. Auf Gesellschaft sind wir aber allemal gespannt. Irgendwann erreichen sie ihr und unser Nachtlager. Schwer begeistert sind sie von unserem Vorhaben den Ural mit dem Rad zu vermessen. Besonders der Organisator der Reise Nikolej, gleichzeitig ein Besitzer eines Outdoor - Ladens in Ufa, ist begeistert von unseren Reisen in Russland. Unter anderem war er auch schon mehrmalig auf der Halbinsel Kola zum Paddeln. So endet der Abend spät in der Nacht mit großem Feuer, deftigen Essen und Gesang zur Gitarre.

Schwer können wir uns am folgenden Morgen trennen. Wieder müssen wir auf die bescheidene Strasse. Ewig lang erscheint uns die Strecke bis nach Starosubchangulowo. Dort angekommen beginnt endlich wieder der Asphalt. In einem Wahnsinnstempo rollen wir nun in Richtung Belorezk. Am Horizont sehen wir die höchsten Berge des südlichen Urals immer näher rücken. Im Nationalpark Südural befindet sich der Jamantau, mit 1640 Metern weit und breit der höchste Berg. Doch deutet der Gipfel eher auf einen riesigen Schutthaufen als auf einen attraktiven, vielleicht auch klettertechnisch interessanten Gipfel hin. So umfahren wir das Massiv westlich in Höhe von der Siedlung Inser. Dort biegen wir wieder von den gediegenen Asphaltbändern ab. Uns zieht es auf dem direkten Weg in den Norden. Wieder schnüren sich die Wege zu. Zweimal müssen wir aus Mangel einer Straßenbrücke den Bolschoj Inser auf einer recht schmalen Eisenbahnbrücke überqueren. Auch gilt es die eine oder andere Schlammsuhle mitten auf dem Weg geschickt im Gebüsch zu umfahren. In Iskuschta, das letzte baschkirische Dorf, angebunden über eine üble Strasse, wird uns noch einmal deutlich gemacht, was hinterweltlich bedeutet. Ärmlichste Behausungen, besoffene Herren, mit schweren Wassereimer beladene Frauen.

Kurz hinter Iskuschta erreichen wir einen Zipfel des Tscheljabinsker Oblastes. Hier zeigt sich die Zivilisation mitsamt ihren rauchenden Schloten von der schlimmsten Seite. In Katav-Ivanovsk, der ersten größeren Stadt fahren wir mal wieder zum Einkaufen in das Zentrum. Während Micha im schon etwas westlich anmutenden Laden verschiedenste Waren des täglichen Radfahrerbedarfs ersteht, werde ich von Stanislaw aufs freundlichste aufgefordert doch auf eine kleine Stärkung mit hoch in seine Wohnung zu kommen. Erst zweifeln wir noch etwas an der Ernsthaftigkeit, doch überzeugt Stanislaw mit seiner Geradlinigkeit. Einmal oben bei ihm in der Küche angekommen, beginnt das Festessen für die Radfahrer. Erst Schnitte, dann Speck, dann Nudeln, dann satt. Stanislav ist begeistert, was wir hier in Russland unternehmen. Er selber, pensionierter Veterinär, hätte gerne solche Reisen gemacht, doch fand sich nie die Zeit. So vertreibt er sich jetzt die Zeit mit der Hausarbeit, seine Frau ist noch berufstätig. Er bewirtschaftet 3 Gärten und erarbeitet, sozusagen als Hobby, geologische Karten der Region. Wie immer fällt es verdammt schwer sich wieder loszureißen.

Vor uns stehen jetzt knapp 100 Kilometer auf oder neben der M5. Die M5 ist „die“ Strasse Russlands, sie verbindet quasi den Westen (Moskau) mit dem Osten(Tscheljabinsk/Tschita) und führt entsprechend viel Schwerlastverkehr. Ein klappriger georgischer KAMAZ neben dem anderen walzt an uns vorbei. Doch leider bietet die Region kaum Alternativen zu dieser Route für uns. Zu aller Freude beginnt es jetzt verstärkt und ständig zu regnen. Und um die Sache noch etwas abzurunden, häufen sich die Pannen mit meinen stark heruntergefahrenen Reifen. So werde ich gezwungen, nach einem Ersatz zu suchen. Erst in Satka finden wir nach längeren rumfragen einen Laden mit einem passenden Reifen für mein Rad. Aufatmen bei installieren des neuen Reifens, kündigt es doch weniger Platten an. Aber die Freude soll nur von kurzer Dauer sein. Schon bei der Montage des Reifens namens „Omskschino“ für abgehobene 2 EURO macht sich die Qualität bemerkbar. Einerseits lässt sich der Reifen nur sehr schief und eirig aufziehen, anderseits weist er trotz neuwertigem Zustandes eher dünne Wände auf. Nun ja.

immer flacher. Wir erreichen den Bereich des Urals, der nahezu ohne Berge auskommen muss. Kurz bevor wir in Polewskoi endgültig wieder Asphalt bis Jekaterinburg erreichen, kommen noch einmal 40 Kilometer einsamster Piste. Eine Oblastgrenze gilt es mal wieder zu überwinden. Schon den Abzweig klar zu lokalisieren fällt uns nicht ganz leicht. Auch warten wir noch fast 30 Minuten an der Kreuzung, ehe ein Kradfahrer auftaucht, den wir nach diesem Weg befragen können. Zu unserer Zufriedenheit soll der Weg, wenn auch etwas schlechtem Zustandes, durchgängig sein.

In Jekaterinburg werfen wir uns mitten in das Verkehrsgetümmel der Millionenstadt. Unsere Ziele sind verschiedene Kartenläden für die weitere Strecke, das Postamt für die vielen Briefe nach Hause, der Bahnhof für die Rückfahrt und die Stadt selbst. Wir besuchen die Kirche zum Gedenken an die Romanow-Zarenfamilie, die hier im Zuge der Oktoberrevolution ermordet wurde. Alles im allen ein typisches Touristenziel. Schon am Abend merken wir, dass uns die Stadt mit all ihrer Hektik, ihrer schlechten Luft nicht behagt und rollen noch am Abend mit der Elektritschka hinaus aufs Land.

Weiter zieht es uns in den Norden. Die Landwirtschaft wird nun immer mehr von der Forstwirtschaft abgelöst. Wir radeln durch dicke Nadelwälder. Hinter Ilim verlassen wir wieder die feinen Asphaltstraßen, toben uns auf den zur Genüge auffindbaren Forststraßen aus. Das Wetter ist fantastisch. Traumhaft zelten wir nach einer abweisenden Piste am Fluss Tschusowaja. Am Morgen geht es steil heraus aus dem Tal, dem nächsten ungewissen Stück Strasse entgegen. Lange warten wir an einer Gabelung mitten im tiefen Wald, ehe der schon lange in der Ferne klingende URAL-Laster auftaucht. Micha hält ihn an und fragt nach dem Weg. Keine Frage, nach Aussagen des Fahrers ist der von uns auserkorene Weg vermutlich durchgängig. Er selbst sei ihn vor 20 Jahren mal gefahren, allerdings mit dem Forst-LKW. Also stürzen wir uns rein ins schmale Abenteuer. Die anfängliche Breite des Weges ist schnell zurückgedrängt vom Wald, der links und rechts sich das zurückholt, was einmal ihm gehörte. Als dann die „Fahrspur“ kaum noch in den Waldwiesen auszumachen war, zeigt sich der Grund des Wegezustandes, eine Raion-Grenze. Schon bald danach wird der Weg wieder gut befahrbar. Immer wieder ein so typisches Schauspiel in Russland.

Zügig nähern wir uns der alten und einst mal reichen Holzhandelssiedlung Serebrjanka. Feudale, aber verfallene Steinhäuser, eine Steinkirche und der Holzverladeplatz weisen auf die besseren Zeiten hin. Jetzt gibt es kaum eine gut befahrbare Straßenverbindung in diesem Ort. Die Ausfallrichtung nach Kuschwa, die wir wählen, ist noch üblerer Sorte. Gar nicht weit aus Serebrijanka heraus, schmälert sich die Straße wieder gewaltig, kaum befahrbar für PKW’s. Entschädigt werden wir wieder durch einmalig Landstriche, blühende Wiesen und Ruhe. Zwischen Kuschwa und Is folgen wir mal wieder in Ermangelung einer Alternative einer größeren Straße. Von Is poltern wir über mäßig befahrene Wege weiter nach Pawda. Die Strecke beinhaltet mal wieder eine typische russische Straßenbaustelle. Zuerst Asphalt, dann 3 Kilometer fester Schotter, dann 3 Kilometer loser Schotter und zum Schluss Dreck. Besonders der lose Schotter bringt uns jährlich zur Rotglut.

Von Pawda fanden wir auf der Karte einen fantastisch durch die Berge verlaufenden Weg nach Kytlym. Diese Strecke weist sich mal wieder als etwas Besonderes heraus. Rundes Flussgestein gestaltet die Fahrbahnoberfläche bergauf und bergab als äußerst Material zermürbend. Selbst steile bergab Passagen kann man nicht schneller als 10 km/h fahren, denn jeden Augenblick droht der Rahmen unter dem Geschüttel zu zerbrechen. Die Handgelenke kaputt, erreichen wir das Magasin von Kytlym. Hier bleibt uns allerdings kaum Zeit zum Entspannen. Arbeiter von der nahen Platinmine haben ihren Dienstschluss und tanken erst einmal ordentlich fürs Wochenende auf. So kommt die Frage auf, ob wir denn nicht einen Barren Platin für 2000 Dollar kaufen wollen? Wir können ihn ja dann in Europa gewinnbringend weiterverkaufen. Nun, leider haben wir nur 2000 Rubel mit, etwas zu wenig für diesen „Russen-Deal“.

Von Kytlym rollen wir die gute Schotterpiste 50 Kilometer geradeaus nach Karpinsk. Von hier sind es nur noch 60 Kilometer bis nach Severouralsk, unser Ziel im Norden des über Straßen angeschlossenen Urals. Auf detaillierteren Karten (1:200 000) haben wir schon das Massiv des Deneschkin Kamen ausgemacht. Hier wollen wir unsere letzte gemeinsame Woche im Ural per pedes verbringen. Glücklicherweise ist dieser Nationalpark durch eine kleine Stichstraße angebunden, so dass es uns nicht schwer fällt, das Gebiet schnell und mit dem Rad zu erreichen.

Am Wegesrand entledigen wir uns der Rädern samt den unnötigen Radsachen und verstecken sie im Wald. Zum Wandern kommen wieder unsere Rucksäcke zum Einsatz. Unser Ziel ist es, den Deneschkin Kamen (1.492 Meter) zu erklimmen. Vorher müssen wir an einer eingezeichneten Stelle die Soswa, einen doch recht stattlichen Fluss, überqueren. Allerdings erwartet uns an dieser Furt ein großes Schild „Betreten und Befahren des Deneschkin Kamen Naturschutzgebietes ist verboten!“. Die Hütte des Nationalparkwächters befindet sich an dieser Stelle. Bei einer Abendbrotnudel besprechen wir erst einmal die Lage. Dabei kommt die Nationalparkwächterin Tatjana vom Pilze suchen zurück. Sofort werden wir eingeladen, zum Essen und zum Übernachten in der Hütte. Wir erfahren, dass das gesamte Gebiet des Nationalparks gesperrt ist. Doch bietet sich die Alternative des Uralski Chebet, nicht weit von hier auf der Kontinentalgrenze an. Frohen Mutes ziehen wir am folgenden Tag los, weiter Richtung Westen zum Uralski Chebet. Um dieses Gebiet zu erreichen, müssen wir zuerst 8 Kilometer Forstwege laufen, um dann endgültig für 10 Kilometer im echten Urwald ohne Wege zu verschwinden. Mit Karte (1:200 000) und Kompass orientieren zum Bergmassiv. Echter Urwald, ungeahnten Ausmaßes breitet sich vor uns aus. Wir folgen den Bächen, schlängeln uns um Kiefernriesen (über einem Meter Diameter), nutzen Bärenpfade, balancieren über tote Bäume. Irgendwo im dichtesten Gewirr finden wir eine freien Quadratmeter um unser Zelt aufzubauen. Am prasselnden Feuer lassen wir den Abend mit einer feinen Pilzspeise ausklingen.

Am Tag Zwei stehen wir vor dem Gipfelsturm. Doch leider ist es eher umgekehrt. Der Gipfel steht im Sturm. Sobald wir über die Baumgrenze kommen, pfeift der Wind eisern über die endlosen Geröllfelder. Mühevoll steigen wir immer weiter hoch auf den endlos erscheinenden Rücken des Uralski Chebet. Von der Ferne sehen wir schon ein Schild auf einem Zwischengipfel stehen. Mit diesem Ziel vor Augen kämpfen wir gegen den Wind an. Am metallischen Schild angekommen ist die Enttäuschung groß, weist es doch anstatt auf den Gipfel auf eine Massenbesteigung der Jungkomsomolzen von Serow im Jahre 1987 hin. Trotz dieser Ernüchterung und in Anbetracht des Windes steigen wir nun wieder über steile Großgeröllfelder hinab in den Wald. Zurück im Urwald haben wir schon vom Gipfel aus einen kleinen See angepeilt. Es bedarf allerdings einiger Zeit den eigentlich nicht sehr weit weg gelegenen See zu erreichen. Wieder bietet sich uns am Feuer eine märchenhafte Abendstimmung, ein Abendrot über dem Moorsee.

Gemütlich laufen wir zurück in Richtung Nationalparkhütte. Diesmal hingegen etwas umwegig, entlang der Tala die ruhig durch den Wald plätschert. In der Nacht wird es dann empfindlich kalt. Der erste Raureif bildet sich auf dem Zelt, lässt uns länger in den warmen Schlafsäcken ausschlafen. Zurück in der Nationalparkhütte werden wir herzlich von Tatjana und ihrem Mann Alexej empfangen, sofort wird die Banja angeheizt. Nach der eingehenden Reinigung in der Banja gibt es dann ein ordentliches Essen. Zufälligerweise sind noch 3 andere sympathische Russen aus Jekaterinburg hier eingetroffen und vervollkommnen den langen unterhaltsamen Abend. Mit wenig Alkohol intus wird über Politik (Wie hat sich eigentlich Schröder so eingerichtet?), Gott und die Welt (Ist privates Schnapsbrennen in Deutschland erlaubt?) diskutiert. Es fällt uns schwer am Tag darauf wieder Abschied zu nehmen von so einer freundlichen Gesellschaft. Doch es soll nicht lange dauern, ehe wir wieder in Gesellschaft kommen.

Wir packen wieder unsere Räder auf, wollen eigentlich wieder zurückfahren nach Severouralsk, als ein URAL auftaucht. Viktor fragt uns, ob wir denn nicht mit wollen. Kurz schauen wir uns an, eigentlich hat keiner Lust diese Bomberpiste ein zweites Mal mit dem Rad zu fahren, und schon haben wir unsere Räder auf der Ladefläche verzurrt. Natürlich werden wir sofort eingeladen bei ihm zu Hause zu übernachten. Auch das nehmen wir, nicht ganz uneigennützig, an. Als seine Frau Marina erfährt, dass wir aus Deutschland sind, ist sie aus allen Häuschen. Ihr Sohn ist erst kürzlich samt seiner Frau, einer Russlanddeutschen nach Deutschland gezogen. So werden wir wie die Könige bewirtet, ein wohlschmeckender Pirog, die Nachbarn kommen, selbst gemachter Knoblauchkäse. Wir können uns kaum noch rühren.

Am 7. September ist leider unsere Reise mit dem Rad schon wieder zu Ende. Zusammen fahren wir mit dem Nachtzug nach Jekaterinburg. Dort trennen sich unsere Wege. Micha, der zur Hochzeit seines Bruders nach Hause will, fährt zurück in den Westen, ich, der ich noch die restlichen 3 Wochen Semesterferien nutzen will, fahre weiter in den Osten um Jenja in Tomsk zu besuchen. Jenja und ihre Freundin Tanja, beide Germanistikstudentinnen, hatte ich im vergangenen Jahr während meiner Reise nach Tomsk kennen gelernt.

Nachdem ich Micha in den Zug Richtung St Petersburg geholfen habe, stehen mir noch etliche Stunden im Wartesaal bevor, ehe mein Zug direkt nach Tomsk früh 4 Uhr abfährt. Ganz allein mit meinen mäßigen Russischkenntnissen rolle ich immer weiter ins große Russland hinein. In Tomsk angekommen baue ich das Rad wieder zusammen und fahre zum Prospekt Kirova. Jenja staunt nicht schlecht als ich morgens plötzlich vor der Tür stehe. Zufällig ist die ganze Familie zu Hause: Jenjas Mutter Larisa, ihr Vater Viktor und ihr kleiner Bruder Vitalja. Sofort wird der gesamte Tagesablauf umgestülpt. So wie ich aus dem Nichts erschienen bin erscheint für mich nun die Gastfreundschaft. Ziemlich bald steht für mich fest, dass mich die Gastfreundschaft von Jenja und ihrer Familie noch ein paar Tage hier halten wird.

Das Glück will es, dass die Tomsker Universität in einer festlichen Jubiläumswoche ihr 125-jähriges Bestehen feiert. Folglich haben die Studenten nahezu keinen Unterricht und jeden Tag wartet ein anderes Event auf uns. Zum Abschluss der Woche gibt es eine riesige Openair-Party auf dem Campus. Lasershow, Politprominenz, Live-Musik, Sketsche bester Güte geben sich die Türklinke in die Hand. Trotz Kälte harren tausende Studenten bis in die späte Nacht aus.

Doch schon am Samstag beginnt wieder der grausame Uni-Alltag für Jenja und Tanja. Ich nutze die „freie Zeit“ um einen Tagesausflug ins 300 Kilometer entfernte Novosibirsk zu machen.

Nach der ersten Woche in der Stadt zieht es mich wieder in die Natur, diesmal allerdings „nur“ zu Fuß. Mein geographischer Standpunkt von nahezu 90° Ost will ich nutzen, um den sibirischen Strom Jennissej zu bestaunen und den Nationalpark Stolby nahe Krasnojarsk zu besuchen. Ich setzte mich in den Zug und fahre 500 Kilometer weiter in den Osten. In Krasnojarsk angekommen, schaue ich mir die hübsch in das Tal des Jennissej eingegrenzte Stadt an, viel schöner als die sowjetische Großstadt Novosibirsk. Der Fluss Jennissej ist deutlich sauberer als der Ob. Am gleichen Tag noch fahre ich mit dem Stadtbus hinaus zur Turbasa. Von dort sind es nur noch 6 Kilometer bis man am ersten Felsen des Stolby Nationalparks steht. Eigentlich wollte ich hier zelten, doch ist das laut Nationalparkregeln verboten. Im gleichen Atemzug wird mir allerdings vom Nationalparkwächter die Möglichkeit angeboten, auf einem Dachboden ganz hier in der Nähe zu schlafen. So lege ich meinen schweren Rucksack in die Küche der Familie von Katja. Wie ich später erfahre, nehmen sie oft Rucksackreisende auf. Die Familie selber liebt nicht das hektische Leben in der Stadt, sind deshalb ins Abseits gezogen. Jeden Sommer fahren sie in eines der vielen nahen Hochgebirge und gehen für 3 Wochen mit ihren Kindern wandern. Fantastische Bilder bezeugen ihre Liebe zur Natur. Zwei Tage ziehe ich allein mit einem Tagesrucksack durch den Nationalpark Stolby. Der Nationalpark erinnert mich ganz stark an die Sächsische Schweiz nahe Dresden. Viele kleine Gesteinshaufen, steil und weniger steil warten darauf mit dem Seil bezwungen zu werden. In Ermangelung eines solches wandere ich von einem Stolb zum anderen und stelle mir die schönsten Kletterrouten vor. Einen Makel hat der Stolby allerdings durch die Nähe zu Krasnojarsk bekommen: eine nicht enden wollender Strom von Touristen wälzt sich zu den vordersten Felsen. Ausgerüstet mit Plastikbeutel und Sportschuh erklimmen ganze Schulklassen die nicht vollkommen ungefährlichen Gipfel. Abgestoßen durch jene verlasse ich Stolby nach 2 Tagen wieder, besuche noch einmal das imposante Wasserkraftwerk am Jennissej und fahre wieder zurück nach Tomsk.

Knapp eine Woche bleibe ich noch in Tomsk, genieße die Gastfreundschaft und das Leben. Leider rückt die Zeit für den Abschied immer näher. Die Uni ruft. Schwer kann ich mich losreißen, ganz besonders in Anbetracht der 120-stündigen Rückfahrt mit dem Zug von Tomsk nach Dresden.










unsere Reiseroute von Orenburg über Jekaterienburg nach Severouralsk

gleich in Orenburg überqueren wir das erste Mal die Grenze zwischen Europa und Asien

hier gibt es Kraftstoff fuer das Auto und für den Schluckspecht

die ersten Ausläufer des Urals sind geprägt durch fast keinen Wald

manchmal sieht man sogar etwas steinartiges in den ersten Ausläufern des Urals

wie wir es nicht anders erwarten haben gelangen wir schnell auf sehr einsame Pisten

ein Dorf deutet auf Zivilisation hin - obwohl wir schon lange keine Leute mehr gesehen haben

durch blühende Wiesen radeln wir, ohne eigentlich richtig zu wissen wohin dieser Weg geht

Bäume gelangen in unser Blickfeld

ob das der Lichtschalter für die Strassenbeleuchtung ist?

in einem Dorf wird uns mal wieder bei der Routenfindung geholfen

mein Fahrrad mal ohne Gepäck

der südliche Ural im baschkirischen Nationalpark - Wald soweit das Auge reicht

in Kutanovo überqueren wir die Bjelaja

wir treffen ein Reisegruppe die auf der Bjelaja mit Booten unterwegs ist

abends gemeinsam Musik und Schwatz am Feuer

zum Glück das es hier die Schilder gibt - wir wären fast über die Kurve hinausgefahren

mühevoll schieben wir die Räder wieder die steile Strasse aus dem Tal der Bjelaja heraus

hier war der Radwechsel sicherlich spannend

die Bjelaja in Baynasarowo

ob es hier extra Busse fuer Tiere gibt?!

es ist Erntezeit

schöne Zeltplätze gibt es im Ural viele

ich war mal wieder abends erfolgreich auf der Jagd nach Frischmilch gewesen

es ist zwar keine Autobrücke über den Fluss da, aber dafür eine Eisenbahnbrücke

irgendwie lässt sich schon ein Weg finden

zusammen mit dem Motorradfahrer arbeiten wir uns an verschiedenen Pfützen vorbei

ein Straßendorf wie aus dem Bilderbuch

Dörfer mitten im Wald

mal wieder von der Strasse in die Wohnung eingeladen worden

ob das Öko- oder bloss Biomilch wird, waren wir uns nicht ganz sicher

hoher Schlufanteil führt zu Abrieb des Reifens am noch feuchten Dreck!

Abendstimmung nahe Jekaterinburg

wir finden natürlich immer wieder die Wege abseits der grossen befahrenen Asphaltpisten

zum kleinen Dorf gehört auch das kleine Auto

hinter Jekaterinburg beginnt der endlos weite Wald des nördlichen Teils des Urals

Sonnenuntergang an der Tschusowaja

und mal wieder müssen wir über eine Rayongrenze - Gebiete wo Strassen ganz plötzlich "verschwinden"

der Abendnebel steigt aus der Waldlichtung auf

der ehemalige Reichtum der Gegend lässt sich an den Kirchenfragmenten ablesen

über einen steinigen Pfad erklimmen wir einen kleinen Pass in Richtung Kytlym

Kytlym - ein Dorf mit Platinabbau und unterirdischer Raketenbasis

in Karpinsk regnet es in Bindfäden - wer will da wirklich radfahen?!

mich hat mal wieder eine Reifenpanne erwischt

auf dieses Massiv, den Deneschkin Kamen, wollen wir wandern gehen

ab hier ist der Zugang zum Deneschkin Kamen, unserem eigentlichen Ziel gesperrt

mit dem Rucksack laufen wir nach Kompass, den es gibt keine Wege, quer durch den Wald in Richtung Berge

das ist echte Taiga

am Feuer bruzeln wir die frischen Pilze

mittem im dichten Urwald

frische Blaubeeren vermengt mit süssen Maisgries - verdammt lecker

nachdem wir aus dem Wald raus sind, bekommen wir eine grandiose Aussicht auf die riesigen Geröllfelder des Uralskij Chebet

der Blick nach Asien und Europa ähnelt sich sehr stark

auf dem Gipfel erwartet uns leider kein Gipfelkreuz, sondern nur eine Erinnerung an eine Gruppe Komsomolzen

Blick von einem Moorsee hinauf zum Uralskij Chebet

durch die Flüsse müssen wir natürlich waten

massenweise Pilze bescheren uns eine sehr gute Mahlzeit

Holz für den langen Winter im Ural

in der Nationalparkhütte sind wir nicht die einzigten Gäste

Frühstück gemeinsam in der Nationalparkhütte

mit einem KAMAZ fahren wir von der Nationalparkhütte wieder zurück nach Kalja

ab Severouralsk geht es in Richtung Süden mit dem Zug

in Jekaterienburg trennen sich unsere Wege - Micha nach Deutschland und ich nach Tomsk

Micha wird von mir in Richtung St. Petersburg verabschiedet

ich besuche Jenja - eine Studentin der deutschen Sprache, in Tomsk

Militär war in Russland schon immer ein beliebtes Spielgerät

zusammen dem Vater Viktor besuchen wir Tante Galia auf ihrer Datscha

mit Jenja (auf dem Bild) und Tanja gehe ich jeden Abend etwas unternehmen

Tanja - ebenfalls eine Studentin der deutschen Sprache in Tomsk

der Nationalpark Stolby bei Krasnojarsk - eine Art Elbsandsteingebirge am Jenniseij

imposante Herbstlandschaft im Stolby-Nationalpark

es gibt auch abgeschiedene Fleckchen in Stolby

ein Kletterklub mit einem Symbol noch aus alten Zeiten

Tomsk feiert im Jahr darauf seine 400 Jahre bestehen

ich besuche auch wieder Alexeij - der sich in Tomsk selbständig gemacht hat

Alexij verschweisst und verschleift Bandsägeblätter

Vitalia - der kleine Bruder von Jenja

Abschiedsessen bei Jenja zu Hause zusammen mit Tanja und ihren Eltern

und natürlich gibt es auch lecker Tort